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Artikel aus der 87. Ausgabe der Troglodyten - Zeitung :

ARC Europe - von Bermuda zu den Azoren
"Ihr Flugticket bitte..." Dies ist das untrügliche Anzeichen dafür, dass die Reise nun beginnt. Man steht vor dem Schalter und wühlt in seinen Taschen herum, um den nun anstehenden Formalitäten gerecht zu werden.
"Bermuda" - liest die Dame am Bremer Flughafen laut und deutlich von dem Ticket ab und setzt routiniert die Tätigkeit an Ihrem Computer fort , damit mein Gepäck auf die Reise gehen kann.
"Bermuda" - wiederholt eine Frau neben mir und sieht mich dabei mit einer Bewunderung an, die sich viele Männer oft wünschen, wenn sie weiblichen Wesen gegenüberstehen, aber leider nur selten ernten.
Wahrscheinlich denkt die Unbekannte, dass ich dort nun wochenlang Urlaub mache und diesen noch am gleichen Abend dort mit Catherine Zeta-Jones und Michael Douglas diniere.
Bermuda ist wahrlich kein Allerweltsziel, und der Anlaß meiner Reise dorthin gilt ja auch nicht dem JetSet oder einem mehrwöchigen Aufenthalt an den dortigen pinkfarbenen Stränden.
Nein, es galt von dort aus mit dem Segelschiff zu den Azoren zu segeln. Über Sinn und Unsinn dieser Entscheidung konnte ich nun einige Stunden nachdenken. Ein Zurück gab es allerdings nicht mehr.
"Wer macht mit?" Dies war die Frage von Horst Figge-Jänke, Fregattenkapitän a.D., Eigner und Skipper der Segelyacht xtraFun zum Ende der Segelsaison 2001.
Die Frage hatte er in der Vergangenheit schon oft gestellt, allerdings zielte sie dabei immer auf die Teilnahme an einzelnen Regatten ab - Kieler Woche , MAIOR Cup, Flensburger Herbst- und Frühjahrswoche, so ziemlich alles hatten wir auf der Ostsee und in Schweden's Ost- und West-schären schon miterleben dürfen.
Diesmal aber wollte Horst sein Schiff einen Winter lang in der Karibik haben. Das bedeutete, die 36-Fuß-Yacht im November mit dem Nordostpassat über den Atlantik zu bringen und im anschließenden Frühjahr wieder zurück.
Für mich war eins schnell klar: ich wollte auch mal über den Atlantik, und sagte schnell zu, den Schlag auf dem Rückweg mitzumachen.
ARC steht für Atlantic Rally for Cruisers - ein Rennen für seegängige Segelschiffe. Die Tatsache, dass jeden Herbst eine stattliche Anzahl von Yachten aus Europa in die Karibik aufbricht, brachte den aus Rumänien stammenden Briten Jimmy Cornell auf die Idee, hieraus eine Regatta zu machen.
Und da die meisten Schiffe auch wieder zurück fahren, gibt es neben der ARC auch die ARC Europe, die Regatta heimwärts im Sommer darauf.
Bermuda stellt sich als ein Stück Paradies dar. Das knapp 20 km breite Sammelsurium von Inseln lebt im wesentlichen von amerikanischen Traumschiffen, die in den Häfen der Hauptstadt Hamilton oder St. Georges festmachen.
Die Livemusik am Flughafen, der Klassiker "Oh Island In The Sun ..." lenkte allerdings kaum von den strengen Einreiseformalitäten ab - das wichtigste Dokument, das es vorzulegen gilt, ist nicht ein Pass, sondern das Rückflugticket.
Zahlende Gäste auf der Insel sind gern gesehen, aber man geht gern auf Nummer Sicher, dass die auch bald wieder weg sind.
Und eben dies Dokument hatte ich nicht, denn
schliesslich wollte ich ja mit dem Schiff wieder weg! Es gelang mir aber, die Offiziellen mit ihren weissen Hemden und blauen Bermuda(!)-Shorts davon zu überzeugen, dass ich wirklich nur vier Tage lang ihr Island In The Sun betreten wollte.
Vorbereitungen begannen am kommenden Tag, insbesondere widmeten wir uns dem Einkauf, der für einen derartigen Trip nicht bedeutet, mal eben zum Supermarkt zu traben.
Die Planung besagte folgendes: wir wollten die Strecke in 12 bis 14 Tagen schaffen, benötigten vier Mahlzeiten am Tag. Da wir auch etwas Reserve einplanen mussten (für Mastbruch, Flaute im Azorenhoch etc.) , waren wir nach zwei Tagen über 1000 US-Dollar leichter, das Schiff aber umso schwerer.
Zu den Getränken noch folgender Hinweis: an alkoholischen Getränken befanden sich 12 Dosen Bier und eine Flasche Sherry an Bord. Das Bier war für das Anlegemanöver vorgesehen, der Sherry für Rasmus!
Start - Monatelang wartet man auf den Start, am Tag X geht dann alles ganz schnell, aber eben auch in einer gewissen Routine. Schliesslich hatten wir in den Tagen zuvor unsere Hausauf-gaben gemacht und schipperten mittags um 12 zum Start, etwa eine Meile vor der Küste.
Der selbige war unspektakulär, ganze 13 Schiffe waren auf diesem Teil der Regatta nur dabei, und so baumelten unsere Beine über die Reling. Aber für drei der vier Jungs nicht lange, denn leider stellte sich etwas Seekrankheit ein.
Das Feld fiel schnell auseinander, am Abend konnten wir keinen weiteren Teilnehmer mehr ausmachen. Die meisten schafften es nicht, hart am Wind den empfohlenen Nordostkurs.
Wir fühlten uns siegessicher.
Der neue Alltag, der uns nun erwartete, war vom Skipper genau ausgerechnet und sah exakt vor, wann ein Crewmitglied schlafen konnte, wann es zum Essen machen eingeteilt und wann zum Abwaschen. Oder aber als Rudergänger.
Abwaschen, im Fachjargon auch Backschaft genannt, ist ebenso wie die Zubereitung der Mahlzeiten auf einem 10 Meter Schiff im Atlantik kein Honiglecken, denn in der Regel hat man nur eine Hand für diese Tätigkeiten frei.
Neben diesen Haushaltstätigkeiten gab es natürlich auch seemännisches: so haben wir insgesamt 51 mal Segel gewechselt und jeden Tag unsere Position mit dem vorgeschriebenen Satellitenhandy übermittelt, um anschließend alle Positionen zu erhalten.
"Wird das denn nicht langweilig ?" - diese Frage wurde mir vor und nach dem Törn oft gestellt, und ich sage ganz klar: Nein! Neben dem manchmal recht beschwerlichen Bordalltag gab es auch einiges an Begegnungen, die - jede auf ihre Art und Weise - interessant waren.
Eine entscheidende hatten wir nach vier Tagen, als wir voraus ein anderes Segelboot am Horizont ausmachen konnten, wahrscheinlich ein Schiff aus dem Regattenfeld.
Zu mitternächtlicher Stunde hatten wir das Objekt rund 200 Meter querab, ich nahm Funkkontakt auf und zur grossen Überraschung hatten wir die Katana, einen anderen deutschen Teilnehmer, erwischt.
Die Überraschung hatte zwei Seiten: sicher waren wir erfreut, persönliche Bekannte wiederzutreffen. Aber unser Schiff war schneller in der Berechnung, und um in der Endabrechnung vor ihnen zu liegen, durften wir mit diesen Konkurrenten nicht gleichauf sein. Vier Tage waren also bereits verstrichen, ohne dass wir einen Meter Vorsprung herausgefahren hatten.
Die Situation wurde am kommenden Morgen erörtert und wir gaben Gas, der Spinnaker bleib so lange oben, wie es nur ging. Damit ging eine Verkürzung der Schlafzyklen einher, um mit diesen Segeln fahren zu können. Daher waren wir nun immer, auch nachts, zu zweit im Cockpit.
Der Erfolg stellte sich in den folgenden Tagen ein, und nicht nur der Eigner, daheim in Ostfriesland, betrachtete dies auf der Homepage des Veranstalters mit Entzücken.
Es gab aber auch die üblichen Begegnungen mit Delphinen und Walen, die glücklicherweise ohne Kollision abliefen. Berufsschiffahrt in Form von riesenhaften Containerschiffen und auch Hochseefischern durften wir erleben, und die Krönung war die Begegnung mit einem Flugzeugträger mitten im Atlantik.
1950 Seemeilen gehen zu Ende. Wenn ich von vielen beschwerlichen Dingen berichten kann, so war eine Sache denkbar einfach- die Navigation. Wir benötigten eine große Seekarte, auf der sowohl Bermuda als auch die Azoren eingezeichnet waren, und unseren GPS. Der Sextant bleib die ganze Zeit im Koffer.
Wir schafften es zwar, die ersten Tage, wie geplant, nordostwärts zu Segeln, bis wir schon die Breite der Azoren zu fassen hatten, um dann streng nach Osten zu halten, aber den Golfstrom, den wir damit eigentlich treffen wollten, sollten wir bis zum Schluss einfach nicht erwischen.
Dieses stand zwar nicht ganz im Einklang mit unseren Strömungskarten war, aber hier handelt es sich um ein Feld, was derartig im Detail noch nicht erforscht ist.
Die Azoren waren am 13. Tag der Reise in Reichweite und nun wurde der Wassertank geplündert - jeder durfte in der winzigen Naßzelle duschen, die erste Dusche seit der Abfahrt!
Somit erreichten wir das Ziel, frisch geduscht, in weniger als 13 Tagen, nämlich exakt nach 12 Tagen und 23 Stunden!
Der erste Weg führte uns zum Einklarieren und Tanken, was bedeutete, wieder neu laufen lernen zu müssen - denn an festen Boden unter den Füssen muß sich der Seemann nach so einem Trip erst wieder gewöhnen.
Der zweite Weg führte in den Yachthafen zum Festmachen, das Schiff wurde aufgeräumt. Nun mußten auch die 12 Dosen Bier dran glauben, die wir ja so teuer eingekauft hatten.
Der dritte Weg führte uns nun in die drittberühmteste Kneipe der Welt, Peter's Bar. Diese Kneipe haben die Portugiesen, zu denen die Azoren ja gehören, sogar auf ihrer Expo 1998 in Lissabon nachgebaut.
Im Ergebnis belegten wir den zweiten Platz, einen vor der besagten Katana, über den wir uns zu Recht sehr freuen durften.
Die erfolgreiche Querung des Atlantiks, ohne Schaden an Schiff oder Crew, die Tatsache, daß wir alle vier fröhlich vereint nach der Reise noch zusammen sassen, und uns nicht angeschrien haben, all dies ist nicht selbstverständlich. Es war das Ergebnis langer Vorbereitungen einer Crew, die diszipliniert zusammengearbeitet und dabei auch ihren Spass gehabt hat.

In dieser Form kann ich so ein Abenteuer wirklich empfehlen !!!
Burkhard Klempt-Gießing Z!

Mehr Fotos zu diesem Bericht unter www.suursail.de
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